Leseprobe aus dem Roman: „Die Reise ins Innere der Finsternis“ (aus dem 1. Kapitel) Autor: Robert Maschmann

 

 

  1. Der Jäger

Zum ersten Mal seit dem Beginn seiner Rei­se durch die zer­störte Welt sah der Mann heu­te am frühen Nach­mit­tag wie­der einen an­de­ren Men­schen. Für einen Au­gen­blick nur fing er durch Zufall mit seinem Fernglas einen Schat­ten ein, der sich gar nicht mehr so weit ent­fernt von ihm zwi­schen den ver­brannten, toten Bäumen eines Wal­des be­weg­te und der so schwarz und so unwirklich war wie die toten Bäu­me selbst. Aber ohne jeden Zweifel konn­te der Mann den Umriss des Schattens als die Ge­stalt ei­nes Men­schen erkennen.

Viele Tage folgte der Mann nun schon dem Fluss sei­ner Hei­mat nach Westen und suchte sich an dessen Ufer seinen Weg ent­lang verkohlter Waldstücke und ab­ge­brann­ter Feldhaine, vor­bei an den toten und schwarzen Gerippen von Bäu­men, Bü­schen und Sträu­chern, deren Blät­ter und fei­nen Äste die Feuerstürme mit ihrer Gluthitze zu Asche zer­blasen hatten.

Seitdem diese Feuer wieder erlo­schen und ver­schwun­den wa­ren, verhüllte eine tief hängende, un­durch­dring­li­che und dun­kel­graue Wol­ken­decke Tag und Nacht den ge­sam­ten Himmel von Ho­rizont zu Hori­zont. Trotzdem fiel kein Re­gen mehr. Deshalb gab es in dieser neu­en und ver­brann­ten Welt seit langem schon nur noch das Wasser des Flus­ses. Auch aus die­sem Grund musste der Mann dem Fluss fol­gen.

An einem einzigen Tag hatten die Feuer beinahe al­les ver­schlun­gen, verbrannt und als Asche wieder aus­ge­spi­en, was sich auf der Ober­fläche der Erde befand. Auch das Was­ser des Flusses war von dieser Asche im­mer noch trüb und grau. Da­rum trank der Mann das Wasser aus dem Fluss nur dann, wenn er es vorher ge­filtert und ge­rei­nigt hat­te. Trotz­dem war ihm und auch sei­ner Familie an­fangs davon übel ge­worden, aber nach ei­ni­ger Zeit konn­ten sie es trinken, ohne krank zu wer­den. Jetzt, da sei­ne Fa­mi­lie tot und er auf dem Weg nach Wes­ten und zum Meer war, gab ihm dieses Wasser, ja der Fluss selbst die Ge­wiss­heit, Tag für Tag, so­lan­ge er in sei­ner Nä­he blieb, am Leben zu blei­ben.

Anstatt des Regens waren nach den Feuern aus dem düster ge­wordenen Himmel für einige Zeit nur noch die zarten Flocken der Asche gefallen, die nun wie ein fei­ner und dunkler Schnee die ver­wüstete Oberfläche der Er­de be­deckten. Dann, nach dem Ende des Ascheregens, hatte auch der Wind die ver­wan­delte Welt verlassen. Nur kurz, nur weni­ge Tage, be­vor er für immer verschwand, hatte der Wind mit der Asche gespielt, sie ungleich­mäßig über die zerstörte und verbrannte Erde verteilt, klei­ne We­hen ge­bildet und manche Stel­len ganz von ihr befreit. Auf die­se Weise be­hielt die Erde die Er­inne­rung daran, dass es den Wind je­mals gege­ben hat­te. Diese ne­ue, dunkle Welt aus Asche schien nun fer­tig zu sein und nichts, we­der Wind noch Re­gen, sollte sie mehr verändern.

Manchmal glaubte der Mann, vor sich auf seinem Weg den zarten Trieb ei­ner Pflanze in der Asche gesehen zu ha­ben. Dann blieb er ste­hen, ging in die Hocke, knie­te sich auf den Boden, wischte mit der Hand vorsichtig die Asche bei­seite und untersuchte mit seinen Fingern ein we­nig die an der Oberfläche stein­harte Erde. Aber unter der Asche war sie überall nur schwarz, aus­ge­trock­net und tot. Alles am Bo­den war zu Asche ver­brannt und die Wur­zeln der Pflan­zen schon längst verfault. Auch In­sekt­en sah und fand er keine mehr. Nur die Würmer waren noch da, wei­ter un­ten. Um sie zu fin­den und zu essen, muss­te er tie­fer gra­ben.

Tag für Tag suchte der Mann mit seinem Fernglas die Asche­fel­der, die sanft ansteigenden Abhänge des Ta­les, die ge­gen­über­lie­gende Seite des Flusses bis zum Ho­ri­zont ab und hielt nach Tieren und vor allen Dingen nach Vögeln Aus­schau. Doch seit den Bränden hatte er keine Tiere und keine Vögel mehr gesehen. Nur den Schat­ten dieses ande­ren Menschen.

Entlang seines Weges gab es viele kleine Dörfer und ein­zel­ne Weiler, die Häuser meist niedergebrannt bis auf ih­re Fundamente, jedes angefüllt mit einem Bal­ken­ge­wirr, schwarz und verkohlt, mit eingestürzten Decken und zer­schlagenen Ziegeln, die Gärten zerstört, die Autos nur noch ausgebrannte Wracks, die Straßen zerbrochen. Einzel­ne Häuser, in jedem Dorf, in je­der Stadt vielleicht eines, manchmal auch gar keines, wa­ren kaum zerstört und verbrannt. Den Grund dafür konnte der Mann nicht er­ken­nen. Diese Häuser hatten nie irgend­etwas Außerge­wöhn­li­ches oder Besonderes an sich. Auch sein Haus war von den Flammen ver­schont worden. Des­halb, so glaubte der Mann, war er noch am Leben.

In den kaum zerstörten wie auch in den we­ni­gen, nur halb ver­brann­ten Häu­sern suchte er nach Lebensmitteln und all dem, was er für seine Reise durch die Asche brauchen konnte. In allen an­de­ren, völ­lig niedergebrannten und zer­stör­ten Häusern war, wenn überhaupt, nur in den Kel­lern noch etwas Brauchbares zu fin­den. Selten fand der Mann einen Zugang zu ei­nem die­ser Kel­ler, der dann aber meistens genauso wie das Haus, zu dem er gehörte, voll­stän­dig ver­wüs­tet und zerstört war. Viel an Lebensmit­teln war es nicht, was er in den Häu­sern und in den Kel­lern fand. Viel­leicht fand er eines Ta­ges gar nichts mehr. Das hätte sei­nen sicheren Tod be­deu­tet. Aber da­ran dach­te er nicht. Er wollte leben. Um je­den Preis. Des­halb war er un­ter­wegs. Doch der Tod beo­bach­tete ihn stets ge­nau und ließ ihn nicht aus den Au­gen.

Am Tage auf den Aschefeldern zwischen den Dör­fern und Städ­ten über­sah der Mann die Um­gebung weit nach al­len Sei­ten. Der Tod konnte ihm hier nicht lange ver­bor­gen bleiben. Welche Gestalt auch immer er annahm, um ihn zu täuschen und ihn zum Narren zu halten: schon aus der Ferne würde der Mann den Tod erkennen. Auch die­sen anderen Menschen hatte er schließlich ge­sehen. In den aus­geglühten Dörfern und Städten mit ihrem un­ü­ber­sicht­li­chen Gewirr von Ruinen, zerstörten Straßen und aus­ge­brannten Fahrzeugen war der Tod dem Mann je­doch ganz nah. In jeder Ruine, hinter jeder ein­ge­stürz­ten und ver­brannten Mauer konnte er sich ver­bergen und auf den Mann warten, um ihm das Leben zu nehmen; heim­tück­isch, hinterhältig und überraschend, so wie es sei­ne Na­tur war. Vielfältig und wandelbar war hier seine Ge­stalt. Ein anderer Mensch vielleicht, der in einem zer­stör­ten Haus mit einer Pistole, einem Gewehr oder auch nur mit seiner Verzweiflung bewaffnet auf den Mann lauert. Vielleicht aber auch ei­ne ein­stür­zende Decke oder eine um­stürzende Ma­uer, die den Mann in einer Ruine auf der Suche nach Nah­rung be­gräbt. Doch der Mann musste in diese Städte und Dör­fer hineingehen, muss­te die Ru­i­nen absuchen, musste in die Kel­ler der Häuser kriechen. Nur dort fand er Nah­rungs­mit­tel und alles das, was er sonst noch zum Über­le­ben brauch­te. Je­den Tag musste der Mann sich dem Tod aus­lie­fern. Aber so wie am Tage lau­er­te der Tod auch in der Dunkelheit der Nacht schlaflos und un­sicht­bar auf sei­ne Beu­te. Der Mann hatte aus die­sem Grund stets Angst da­vor, in der Nacht noch durch die Asche gehen zu müssen, denn er konn­te in der un­durch­dring­lichen Finsternis nichts se­hen und der Bo­den war im­mer uneben, zerfurcht und lö­cher­ig. Sehr leicht hät­te er sich deshalb bei einem Gang durch die Fin­ster­nis ei­nen Knö­chel ver­stau­chen oder stol­pern und sich beim Fal­len ei­nen Kno­chen bre­chen können. Dann wäre er ver­lo­ren ge­we­sen. Denn in dieser neuen und verbrannten Welt gab es kei­ne Hilfe mehr. Trotz­dem war der Mann über­zeugt, den Tod hier in der Asche besiegen zu kön­nen.

Tagsüber folgte der Mann dem Fluss oft entlang ei­ner Stra­ße, die mehr oder weniger nahe an dessen Ufer ver­lief und auf der verstreut nun viele ausgebrannte Fahr­zeu­ge zu sehen waren. Nur noch deren Metallgerippe wa­ren üb­rig ge­blieben als Skelette selt­samer Dinge einer längst ver­gan­genen, ver­sun­kenen Zeit, vernichtet und zer­stört. Der As­phalt war durch die Hit­ze an manchen Stel­len auf­ge­bro­chen und die Asphaltstücke wa­ren gelegentlich in­ein­ander geschoben wie Eis­schol­len auf ei­nem Fluss. Auch eine große Zahl ver­brann­ter und manch­mal mit dem As­phalt ver­schmolzener Leichen lag ne­ben und auf der Stra­ße, meist nur noch Koh­le­klum­pen mit ver­schmor­ten Ar­men und Bei­nen, manch­mal glänz­end schwarz, er­schla­gen vom Feuer, vom Lei­chen­tuch der Asche bedeckt. Sah er ab und zu ver­brann­te Men­schen, die ihn fast noch wie leben­dig aus dunklen und leeren Au­gen­höh­len und mit ge­bleck­ten weißen Zäh­nen an­starr­ten, dann er­schrak er stets darüber, wie selbst­ver­ständ­lich und all­täg­lich der An­blick dieser zahllosen Lei­chen für ihn schon ge­wor­den war. Sie gehör­ten nun als To­te zu dieser neuen Welt aus Asche, so wie sie frü­her als Le­ben­de zu der unter­ge­gan­ge­nen, schon fast ver­gesse­nen, bun­ten Welt gehört hat­ten.

Meist kam er nur mühsam voran, da er einen etwa zwei­ein­halb Meter langen, mehr als einen Me­ter brei­ten und mit fast ei­nen Meter hohen hölzernen Bord­wän­den verse­hen­en vierrädrigen Handwagen recht schwer und be­la­den hinter sich herzog. Aus zwei Stricken hatte der Mann zwei Schlaufen geknotet, die Stricke an der Deichsel des Hand­wa­gens fest­gezurrt und die Schlaufen über seine Schul­tern ge­streift. Ein Ge­schirr für ihn, um den Hand­wa­gen besser ziehen zu kön­nen. Die zerstörte Straße konn­te er mit dem Hand­wa­gen kaum be­nutzen. Deshalb ver­suchte er auf Feld­we­gen zu ge­hen, die recht oft ent­lang des Flusses und der Stra­ße ver­liefen. Wenn es keine Feld­wege gab, dann war er ge­zwun­gen, sich seinen Weg über abge­brannte Fel­der und Wie­sen zu suchen. Sein Marsch mit dem Hand­wa­gen war dann ei­ne Qual.

Gelegentlich musste der Mann größere Waldstücke um­ge­hen, denn zahlreiche umgestürzte Bäume ver­sperr­ten ihm den Weg durch sie hindurch. Immer noch stürz­ten auch Bäume um und machten jeden Aufenthalt in ei­nem Wald sehr gefährlich. Es wunderte ihn deshalb, den an­de­ren Men­schen gerade in einem verbrannten Wald zwi­schen den toten Bäumen gesehen zu haben. Wusste die­ser Mensch nicht, wie gefährlich das war? War die­ser Mensch viel­leicht nicht sonderlich schlau?

Hin und wieder stieg der Mann auf einen Hügel oder eine Anhöhe an seinem Weg, um sich einen bes­se­ren Über­blick über das Gelände vor ihm zu verschaffen. Dort stand er dann meist eine Weile und atmete tief die merk­wür­di­ger­weise sehr frische, nach Brand schme­cken­de Luft ein. Die Welt kam ihm von hier oben stets wie ge­rei­nigt, wie desin­fiziert und gesäubert vor für etwas Neu­es, bis­her noch nie Ge­sehenes. Mit einem beinahe ehr­fürch­ti­gen Staunen be­trach­tete er jedes Mal erneut die zerstörte und verwüstete Welt unter ihm wie ein Ent­de­cker, der als ers­ter Mensch ei­nen neuen, un­be­kann­ten, exo­tischen Kon­ti­nent be­reist. Sei­ne Hoffnung und auch sei­ne Neu­gier trieben ihn so im­mer weiter vor­wärts, immer wei­ter hin­ein in die Trost­lo­sig­keit dieser neuen Welt aus Asche, auch wenn ihn diese neue Welt am Ende womög­lich doch tö­ten würde.

Von Zeit zu Zeit saugte ihm die Erinnerung an den Selbst­mord seiner Frau und ihrem Mord an seinen bei­den Kin­dern alle Kraft aus den Beinen; sie wurden schwer wie Blei und gehorchten seinem Willen nicht mehr. Er stütz­te sich dann mit den Händen auf seine zitternden Knie, at­me­te schwer und wollte schreien. Einmal tat er es auch und er­schrak sehr über den Zorn und den Hass in sei­ner Stim­me, denn er glaubte, stets glücklich gewesen zu sein mit seiner Frau in der alten, verbrannten Welt und sie im­mer geliebt zu haben, auch nach den Bränden, als sie sich ver­än­der­te und sie ihm immer fremder wurde. Aber sei­ne Frau war eine Mörderin. Sie hatte ihn belogen und ge­täuscht, sie hatte seine Liebe für ihren Mord an sei­nen Kin­dern miss­braucht. Warum sollte er da seine Frau nicht auch hassen, warum sollte er da nicht zornig sein dür­fen?

So war jeder Schritt hier in der Asche für den Mann stets wie ein Abschied aus seinem alten, ver­brann­ten Le­ben, aber noch nie war einer seiner Schritte bis jetzt auch ein neu­er An­fang für ihn gewesen. Seine Schritte trie­ben nur die Zeit voran und seine Fuß­spu­ren zeigten ihm, wie er sich selbst in die Ver­gan­genheit hinein verlor. Dort war er nur noch ein flüchti­ger Schatten, zu­sam­men­ge­setzt und ge­formt aus den Bruch­stücken fah­ler und ver­blas­sen­der Er­in­ner­un­gen.

Das Keuchen seines Atems, das Knirschen seiner Schrit­te auf dem verbrann­ten Boden, das Rumpeln und Klap­pern des Handwa­gens: die einzigen Ge­räusche, die noch zu hö­ren waren. Wäre er nicht mehr da, dann würde es end­lich ganz still sein.

Auch der Mensch, den er heute gesehen hatte, war al­lein. Da war sich der Mann ganz sicher. Würden ihm meh­rere Men­schen durch die Asche folgen, dann hätten ihn die­se be­stimmt schon längst überfallen, obwohl er ein Ge­wehr, ei­ne Pistole und ein Katana hatte. Ihre Überzahl hätte sie mu­tig gemacht und der Hunger hätte sie schließ­lich ihre Zwei­fel und ihre Vorsicht vergessen lassen. Dieser an­de­re Mensch, al­lein und auf sich selbst ge­stellt, war aber schein­bar noch nicht hung­rig und ver­zwei­felt ge­nug, um ei­nen Angriff zu wagen.

Das Gewehr schnallte sich der Mann immer deut­lich sicht­bar mit einem Riemen auf den Rücken, die Pi­sto­le steck­te er sich stets in einen Gürtel, mit dem er seine ver­schlis­se­ne und stumpf riechende schwarze Lederjacke zu­sätz­lich ge­schlos­sen hielt. Das Katana trug er so oft es ging in der Hand und nur wenn sein Marsch zu be­schwer­lich wurde, dann legte er es in den Hand­wa­gen, um diesen zusätzlich mit bei­den Händen besser zie­hen zu kön­nen. Denn sobald der Mann das Katana in sei­ner Hand hielt, glaubte er zu wis­sen, seine Hei­mat in Wahr­heit immer noch in der längst vergan­ge­nen bunten und lau­ten Welt zu haben und nur für eine Weile hier in der Asche le­ben zu müs­sen. Dann hatte er das Ge­fühl, noch er selbst zu sein und die ver­brann­te Er­de sei nur eine fal­sche Welt, aus der er ent­kom­men und die er hin­ter sich las­sen konnte. Dann war er sich si­cher, in die­ser neuen, dunk­len und kalten Welt bestehen zu kön­nen, nicht ver­rückt wer­den zu müs­sen in ihrer Trost­lo­sig­keit und die alte, bun­te und leben­dige Erde jen­seits all die­ser Zer­stör­ung ir­gend­wann wie­derzu­finden.

Vor zwei Ta­gen schon meinte der Mann, in der To­ten­stil­le der Abend­dämmerung das kaum vernehmbare Kna­cken ei­niger Äste hinter sich dort, woher er ge­kom­men war, ge­hört zu haben. Seit einer ganzen Weile und ge­dul­dig wie ein Jäger auf der Fährte seiner Beute schien der an­de­re Mensch ihm also be­reits durch die Asche zu fol­gen. Es wäre deshalb sehr einfach für diesen an­de­ren Men­schen ge­we­sen, den Mann während dieser Zeit mit ei­nem Ge­wehr oder einer Pistole aus einer sicheren Ent­fer­nung zu töten oder ihn zu­mindest schwer zu ver­let­zen. Aber der Mann war noch am Leben und niemand hat­te bis jetzt auf ihn ge­schossen. Das konnte nur einen Grund ha­ben: sein Jäger hatte kein Gewehr und keine Pi­sto­le. Auch darü­ber gab es für den Mann keinen Zweifel.

Obwohl er alleine und unbewaffnet war, suchte der an­de­re Mensch dennoch die Nähe des Mannes und war­te­te nur auf ei­ne günstige Gelegenheit, um ihn zu über­fal­len, denn er wollte na­tür­lich den In­halt des Hand­wagens für sich haben. Der Jäger wuss­te ge­nau, was sich in diesem Hand­wagen befand. Dort hat­te der Mann ne­ben ei­ner Gar­nitur Kleidung, ein paar De­cken, zwei Kis­sen, einem Ruck­sack und sonstigen nütz­li­chen Din­gen für sei­ne Rei­se auch seine ganzen Nah­rungs­mitt­el und Vor­rä­te ver­staut: Reis und Nudeln, Kon­serven mit Obst, Ge­mü­se und Fertiggerichten, mit Hunde- und Kat­zen­fut­ter, eben­so ein paar Schachteln mit Not­ver­pfle­gung wie auch zwei oder drei Packungen mit Keksen so­wie Vi­ta­min­ta­blet­ten, Mi­ne­ralstoffpräparate und Medi­ka­mente, al­les über viele Ta­ge hinweg zusam­men­ge­sam­melt aus den Häu­sern der Dör­fer und Städte entlang des Flus­ses. Drei, wenn er spar­sam war viel­leicht auch vier Wo­chen si­cher­te ihm die­se Nah­rung sein Über­le­ben, obwohl der Hand­wa­gen jetzt nur noch zur Hälf­te mit Le­bens­mit­teln ge­füllt war. Es lohn­te sich für den Jä­ger, dafür sein Le­ben zu ris­kie­ren, den Kampf mit dem Mann zu suchen, ihn zu tö­ten, denn die Suche nach Nah­rung in dieser Welt aus Asche war müh­se­lig und ge­fähr­lich.

So wert­voll war der Inhalt des Hand­wa­gens für den Mann, dass er ihn je­den Tag überprüfte und in ei­nem No­tiz­buch alle Ver­än­der­un­gen festhielt. Damit man nicht schon aus der Fer­ne er­ken­nen konnte, was er im Hand­wa­gen al­les trans­por­tier­te, hatte er über dessen gesamte Län­ge und Breite zwei De­cken geworfen und die­se mit Schnü­ren unter dem Handwagen hindurch fest­ge­bun­den. Der Mann wuss­te genau, wie nutz­los das war. Aber er hat­te das Ge­fühl, da­mit etwas für sei­nen Schutz und seine Si­cher­heit ge­tan zu ha­ben.

Sein Jäger war eine große Gefahr für ihn, denn sein Jäger war hung­rig. Nein, für den Mann gab es da kei­nen Zwei­fel: ganz be­stimmt war sein Jäger so­gar sehr hung­rig. Alle Men­schen, da war sich der Mann si­cher, die so wie er noch auf der zer­narb­ten und zer­schun­de­nen Ober­fläche der ver­wüs­te­ten Er­de leb­ten, un­ter­wegs wa­ren in den end­lo­sen Asche­wüs­ten von ei­nem Nir­gend­wo in ein an­de­res, hat­ten so wie er ständig Hun­ger und waren so wie er stets auf der Su­che nach Nah­rung. Wie Tie­re wa­ren sie da­mit be­schäf­tigt, sich selbst am Le­ben zu er­hal­ten, in der Er­de nach Nah­rung zu wüh­len, sich ge­gen­sei­tig die Nah­rung ab­zu­ja­gen, sich ge­gen­sei­tig für Nah­rung zu tö­ten und am En­de doch ir­gend­wo zu ver­en­den. Der Mann bil­de­te sich ein, in der ver­gan­ge­nen, hel­len, lau­ten und bun­ten Welt wä­re es an­ders gewe­sen. Als hät­ten dort die Men­schen bes­ser gelebt und wä­ren sinn­vol­ler ge­stor­ben als In­sek­ten, die mit einem letz­ten knis­tern­den Ge­räusch in der Flam­me einer Ker­ze ver­dam­pfen.

Am späten Nachmittag kam der Mann zu einem al­ten Bahn­damm, der sich wie eine Barriere von links, von Sü­den kommend in einem sanften Bogen wie eine Ram­pe an­stei­gend durch die Landschaft vor ihm zog. Der Bahn­damm trug schon längst keine Gleise mehr, sondern war nur noch das Relikt einer vor langer Zeit stillgelegten Bahn­li­nie und endete steil aufragend am Flussufer. Hier hat­te er, so schätz­te der Mann, eine Höhe von mindestens sechs oder sie­ben Me­tern er­reicht. Über den Fluss selbst führ­te frü­her ein­mal ei­ne Ei­sen­bahn­brücke. Die Fun­da­men­te der Brü­cke wa­ren am Fluss­ufer dort, wo der Bahn­damm en­de­te, noch zu sehen.

Vor ihm brach die Straße in einer Schneise durch den Bahn­damm hindurch. Mitten in dieser Schneise stand ein aus­ge­brann­tes Autowrack. Zwei verkohlte Leichen sa­ßen auf den Vordersitzen. Vielleicht waren diese Men­schen auf den kindischen Gedanken verfallen, in dieser Schnei­se we­nigs­tens etwas Schutz vor den Flammen zu fin­den und hat­ten deswegen ihr Auto dort abgestellt. Ein Teil der Schä­del­decke bei beiden Leichen fehlte und war weg­ge­rissen. Der eine Mensch musste den anderen er­schos­sen und sich dann selbst getötet haben. Als der Mann das In­nere des verbrannten Autos und die Leichen ge­nau­er in Au­gen­schein nahm, fand er die Pistole zwischen den ver­krampf­ten, verdorrten Fingern der Leiche auf dem Fah­rer­sitz. In dem verformten Metallgestänge der ver­brann­ten Rück­bank lag die verkohlte Leiche eines Kin­des. Er konn­te an den Resten des Körpers und am Kopf des Kin­des keine Schussverletzungen erkennen. Sie hatten es of­fen­sicht­lich nicht fertig gebracht, ihr Kind zu er­schie­ßen. Sie hat­ten es lieber auf der Rück­bank ver­bren­nen las­sen.

Neben der Böschung des Bahndamms, vielleicht zwan­zig Schrit­te vom Wrack des Autos entfernt, lag der ver­brann­te Kör­per eines Etwas, das scheinbar ein Hund ge­we­sen war. Seine Beine waren wie abgeknickte, ver­dorr­te Äste in die Luft gestreckt, sein Körper war nur noch ein schwar­zer Klumpen. Der Hund hatte keine Chance ge­habt, den Flam­men zu entkommen. Die Menschen im Au­to hatten es gar nicht erst versucht. Das wun­der­te den Mann nicht. Nachdem die Feuer über die Er­de her­ein­ge­bro­chen waren, hatte er mit Ent­set­zen be­o­bach­tet, wie ra­send schnell sie über­all über das Land zogen. Wie Rudel wil­der Hun­de, die ih­re Beute zu To­de het­zen.

Die Straße führte nach der Schneise entlang einiger ver­brann­ter Waldstücke hin zu einem Dorf in der Ferne; si­ch­erlich, wie der Mann schätzte, mindestens drei- oder vier­tau­send Schritte entfernt. Er überquerte mit sei­nem Hand­wa­gen die Straße von der linken auf die rechte Sei­te, zog ihn durch die Öffnung im Bahndamm und bog dann scharf nach rechts in die Richtung des Flusses ab. Falls dieser andere Mensch nicht bemerkt hatte, dass er ent­deckt wor­den war, würde er ihm sicher weiter ent­lang der Fuß­spu­ren im ver­meintlichen Schutz des Bahndam­mes folgen. Das war, so dachte der Mann, die Gelegen­heit für ihn, sei­nen Jäger ge­nauer in Au­genschein zu neh­men und heraus­zufinden, mit wem er es da zu tun hat­te.

Kurz nach der Schneise, hinter dem Bahndamm, blieb der Mann stehen, legte das Katana auf den Handwagen, streif­te das Geschirr ab und begann mit dem Fernglas in der Hand den Abhang des Bahndammes hin­auf­zu­klet­tern. Er musste sich durch die Gerippe verbrannter Bü­sche hindurchkämpfen, deren ver­kohlte Äste er mit sei­nen Armen brach wie Streich­hölzer. Oben an­ge­kom­men leg­te er sein Gewehr und seine Pistole griffbereit ne­ben sich in die Asche und streck­te vorsichtig, spärlich ver­deckt durch ei­nen ver­kohlten Strauch, seinen Kopf über den Kamm des Bahn­damms hin­aus. Rechts von ihm, viel­leicht einhundert Schritte entfernt, war jetzt die Schneise mit dem verbrann­ten Auto. Links von ihm, eben­falls in ei­ner Ent­fer­nung von vielleicht einhundert Schritten, wa­ren der Fluss und die Fun­damente der Ei­senbahn­brücke. Dann such­te er mit dem Fernglas das Ge­lände auf der an­de­ren Sei­te des Bahn­damms genau und sorgfältig ab. Ent­lang des Flussufers gab es dort viele kleinere ver­kohlte Wald­stü­cke, in und zwischen de­nen der Jäger Deck­ung neh­men konnte. Heute Nachmittag war er unvorsich­tig ge­we­sen. Deshalb hatte der Mann ihn gese­hen. Jetzt schien der Jäger aus seinem Fehler gelernt zu ha­ben. Bis zur Däm­mer­ung lag der Mann auf dem Kamm des Bahn­damms. Aber er konnte nichts entdecken. Keine Be­we­gung, kein Laut, keine Spur, kein Anzeichen eines Men­schen dort draußen in der Öde, die aussah wie eine ver­schnei­te Win­terlandschaft an einem trüben, nebligen Tag. Be­stimmt lag sein Jäger jetzt irgend­wo dort unten re­gungs­los in der Asche und war ihm mit Sicherheit schon sehr nahe gekom­men. Vielleicht war die­ser an­de­re Mensch doch klüger und geris­sener, als der Mann dach­te. Viel­leicht war es aber auch zu offen­sichtlich, dass er den Bahn­damm benutzte, um seinem Jäger dort auf­zu­lau­ern.

Schließlich fing es an zu dämmern. Der Mann musste sei­nen Hin­terhalt aufgeben. Er schob das Fernglas in sei­ne Le­der­ja­cke, warf sich das Gewehr auf den Rücken, steck­te die Pistole in den Gürtel, rutsch­te und kletterte vor­sich­tig auf allen Vieren mit den Füßen voran wieder die Bösch­ung des Bahn­dammes hinunter, legte das Fernglas in den Hand­wagen, klopfte sich die Asche aus der Klei­dung, schirr­te sich an, nahm sein Schwert und hielt nach ei­nem Schlaf­platz Aus­schau.

Bei Einbruch der Dämmerung musste der Mann sich im­mer beeilen, um einen Platz für die Nacht zu finden, denn es wur­de rasch dunkel und die Nächte waren von einer un­durch­dring­li­chen Finsternis. Die Dämmerung, die Zeit des Übergangs, war nur noch kurz. Es blieb wenig Zeit üb­rig zwischen dem Kampf ums Überleben am Tag und dem Schlaf in der Nacht. Am Morgen wurde es dann kaum hell und das Licht tauchte die verbrannten Land­schaf­ten, die ausgeglühten Städte und Dörfer auch tags­über ledig­lich in einen stets gleichmäßigen und fah­len Däm­mer­schein. Kei­ne Sonne, kein Mond und keine Ster­ne waren mehr zu sehen. Von Menschen gemachtes Licht gab es nicht mehr. Manchmal, selten, glühte die Wol­ken­de­cke in der Nacht für kurze Zeit in einem dun­kel­ro­ten, düs­te­ren Licht, das genauso lautlos und plötzlich wie­der ver­schwand wie es gekommen war. Sah der Mann die­ses Glü­hen in den weni­gen Stunden, in denen er trotz sei­ner Er­schöpfung nicht schlafen konnte, dachte er mit Un­be­ha­gen und neugierig zugleich darüber nach, was in und jen­seits dieser undurchdringlichen Wol­ken­de­cke wohl ge­schah. Hatten nicht Menschen vor Tau­sen­den von Jah­ren mit der glei­chen neugierigen Furcht darüber nach­ge­dacht, was für seltsame Dinge denn der Mond und die Ster­ne wa­ren und wer am Tag die Sonne über den Him­mel zog? Hat­ten die Menschen darauf je wirklich eine Ant­wort gefun­den?

Der Mann suchte sich den Ort, an dem er dann die Nacht ver­brin­gen wollte, immer nahe am Fluss oder in der Rui­ne ei­nes Hauses. Heute fand er diesen Ort am Rand ei­nes ver­kohl­ten Auenwaldes, der etwa zweihundert Schrit­te in west­li­cher Richtung vom Bahndamm entfernt direkt am Ufer des Flusses lag. Der Jä­ger konnte ihm hier bis zur Dun­kel­heit im Schutz des Bahn­damms noch näher kom­men, aber die Däm­mer­ung und die her­ein­bre­chen­de Nacht ließen dem Mann keine andere Wahl. In der Fins­ter­nis musste jedoch auch der Jä­ger genauso wie der Mann dort blei­ben, wo er war. Und bis jetzt, so als wür­de er jeden her­auf­ziehenden Tag in sei­nem Kör­per spü­ren, war der Mann immer schon vor dem Beginn der Mor­gen­däm­merung auf­gewacht. Der Jäger würde ihn auch mor­gen nicht über­ra­schen können.

Er löste die Schnüre der Decken, mit denen er den In­halt sei­nes Handwagens zu verbergen versuchte, legte die Schnü­re und die Decken in den Handwagen hinein, ver­stau­te dort eben­falls auch das Ge­wehr, die Pistole und sein Ka­ta­na, nahm einen Besen aus dem Handwagen her­aus und säu­ber­te damit an einer Stelle etwa fünf­zehn Schrit­te in süd­li­cher Richtung vom Rand des Au­en­waldes ent­fernt den Bo­den von der wenigen Asche, brach­te den Be­sen zum Hand­wagen zurück, nahm von dort eine De­cke mit und brei­te­te sie auf dem von der Asche ge­säu­ber­ten Bo­den aus. Er­schöpft kniete er sich auf die Decke, setz­te sich auf seine Fersen und starr­te ei­ni­ge Zeit wie ge­dan­ken­verlo­ren in das Waldstück vor ihm hin­ein. Nach ei­ner Wei­le fin­gen seine Augen an zu su­chen, aber es war kein Mus­ter, keine Ordnung, kein Sinn in die­sem Gewirr der Äste und Stäm­me zu er­ken­nen. Ein be­klem­men­des Ge­fühl stieg in ihm auf und der Wunsch, dass es nun bald dun­kel wer­de und er nichts mehr se­hen und end­lich schla­fen kön­ne. Un­end­lich schwer und mü­de fühl­te er sich in sol­chen Mo­men­ten am En­de eines Ta­ges und er konn­te deut­lich den Sinn der Welt und seines Le­bens in sei­nen Kno­chen, in sei­nem Fleisch und in sei­nen Ein­ge­wei­den spü­ren. Aber er wei­gerte sich stets, ihn auch an­zu­neh­men.

Der Mann fuhr sich mit der Hand über das Gesicht, so als ob er damit seine Müdigkeit wenigstens für eine Wei­le noch vertreiben könnte und studierte wie jeden Abend den Ort, an dem er die Nacht über blieb, genau und sorg­fäl­tig, um sich im letz­ten Licht des Ta­ges einen kur­zen Weg ein­zu­prägen, auf dem er dann in der voll­kom­men­en Dun­kel­heit zu einem anderen, neuen Schlaf­platz ge­hen woll­te. Er hatte zuvor schon, noch bevor mit seinem Hand­wa­gen vor dem Auenwald stehen geblieben war, an des­sen Saum ei­ne kleine Ni­sche entdeckt, die fünf oder sechs Schritte breit und mehr als ei­nen Me­ter hoch etwa sie­ben oder acht Schrit­te in den Wald hin­ein­führ­te. Das war genug Platz für ihn und sei­nen Hand­wagen. Die Ni­sche war, so­weit er se­hen konn­te, frei von verkohlten Stäm­men und Äs­ten und be­fand sich jetzt in westlicher Rich­tung etwa ein­hun­dert Schrit­te ent­fernt von ihm. Dort gab es auch kei­ne ver­brann­ten Baum­stäm­me mehr, die um­stür­zen und ihm ge­fähr­lich wer­den konn­ten, sondern nur noch Un­ter­holz und Ge­strüpp. Dort­hin, so entschied er, wird er in der Dun­kel­heit ge­hen. Wäh­rend die Finster­nis über den öst­li­chen Ho­ri­zont her­auf­zog, suchte er mit dem Fern­glas wie­der die Um­ge­bung ab: den Bahn­damm, die Schnei­se, die Straße, die An­hö­hen des Ta­les, das Dorf in der Fer­ne, die ge­gen­über­lie­gen­de Seite des Flusses. Aber er konn­te kei­nen Men­schen, kein Tier, kei­ne Be­we­gung ent­decken.

Zuerst hatte der Mann sich über den vergeblichen Ver­such geärgert, seinem Jäger auf dem Bahndamm auf­zu­lau­ern. Dann jedoch war sein Ärger rasch wieder verflo­gen. Denn er war, so dachte der Mann jedenfalls, die­sem an­de­ren Menschen gegenüber jederzeit im Vorteil. Die Asche lag zwar überall und jeder seiner Schritte hin­ter­ließ eine Spur. Sein Jäger wusste deshalb immer ganz ge­nau, wel­chen Weg er ging. Aber er hatte trotzdem nichts zu be­für­chten. Nachts war die Finsternis un­durch­dring­lich. In der Nacht konnte der Jäger ihn unmöglich auf­spü­ren, denn er sah nichts. Er konnte ihn nur tagsüber an­grei­fen und der Mann wusste ja, dass der Jäger kein Gewehr und kei­ne Pistole hatte. So hätte der Mann nun einfach ab­war­ten können, bis der Hunger und die Verzweiflung den an­de­ren Menschen am Tag in seine Arme trieb. Er wä­re ihm dann weit über­legen gewesen. Schließlich war er es, der das Gewehr und die Pistole hatte. Doch der Mann woll­te nicht länger die Beute sein. Er wollte nicht ge­jagt wer­den wie ein Tier. Er wollte nicht darauf warten, bis der andere Mensch viel­leicht vor Erschöpfung nicht mehr wei­terge­hen konnte und irgendwo auf der ver­brann­ten Er­de und den Aschefeldern hinter ihm verhungerte. Mor­gen, wenn er in das nächste Dorf kommt, wird er dort dem Jäger auf­lauern. So wird er es machen. Er wird sich in ei­nem der Häuser am Rande des Dorfes ver­schan­zen, sich dort ein sicheres Ver­steck su­chen und auf die­sen an­de­ren Men­schen warten, wie lange es auch immer dau­ern mag. Dann wird endgül­tig er der Jäger sein und der an­de­re Mensch die Beute. Noch auf eine Entfernung von vier­hun­dert Schritten konn­te er mit sei­nem Gewehr Ge­gen­stän­de und Dinge von der Größe eines aus­ge­wachse­nen Menschen treffen. Oftmals hatte er das auf sei­nem Weg durch die Aschewüste schon aus­probiert. Also müss­te er seinen Jä­ger nur na­he ge­nug her­an­kom­men las­sen. Er wür­de ihn nicht ver­feh­len. Aber das konnte er nicht tun. Der Mann wollte kein Mör­der sein. Des­halb muss­te er mor­gen einen ande­ren Weg fin­den, um sich sei­nes Jä­gers zu ent­le­di­gen.

Als es vollständig dunkel geworden war und die Fins­ter­nis ihn ganz verschluckt hatte, stand der Mann auf, ver­stau­te die Decke wieder im Handwagen, schirrte sich an und machte sich auf den etwas abschüssigen Weg zu der Ni­sche, die er am Rand des Auenwal­des entdeckt hatte. Vor­sich­tig ging er die kur­ze Strecke zu sei­nem neu­en Schlaf­platz. Die Asche dämpf­te seine Schrit­te; nur die Kon­ser­ven und Bü­chsen auf dem Handwa­gen schlugen durch die Un­eben­hei­ten des Bodens hin und her und füll­ten die Finsternis mit ei­nem dum­pfen, metallischen Klap­pern. Er hatte im­mer die Be­fürch­tung, man könnte es ki­lo­me­ter­weit hö­ren. Aber schon wenige Schritte vom Hand­wagen entfernt war davon kaum mehr etwas zu ver­nehmen. Nach ein­hun­dert Schrit­ten blieb er ste­hen, such­te tastend die Ni­sche mit sei­nen Händen, er­kann­te, dass er genau vor ihr stand, rutschte kniend lang­sam, vor­sichtig und ge­räusch­los hin­ein, untersuchte mit sei­nen Hän­den sorgfältig den Bo­den, schob noch zwei oder drei Äs­te beiseite, zog auch den Hand­wagen in die Ni­sche und breitete die Decke, die er vor seinem Gang durch die Fins­ter­nis in den Hand­wa­gen hineingelegt hatte, nun sorg­fäl­tig auf dem Boden der Ni­sche aus. Es er­staun­te den Mann im­mer wie­der, wie gut er im Laufe der Zeit ge­lernt hatte, in die­sen pech­schwar­zen, un­durch­dring­lich dunk­len Näch­ten prä­zi­se die Stelle zu finden, die er sich in der kur­zen Däm­mer­ung als Ver­steck und Schlaf­platz aus­gesucht hat­te. Alles war gut ge­gan­gen, denn der Tod hat­te dem Mann bei des­sen Gang durch die Nacht nur zu­ge­se­hen. Er saß wie jede Nacht zu­vor nur still in der Fin­ster­nis und lä­chelte spött­isch über die­sen Mann, der sich so viel Mü­he gab, ihn zu über­listen.

Obwohl er immer angezogen schlief, musste der Mann sich zu­decken, damit er nicht fror und die Kälte ihn nicht dau­ernd weckte. Ein Feuer machte er in der Nacht nie, denn viel zu groß war die Gefahr, in dieser perfek­ten Fins­ter­nis schon über weite Entfernungen gesehen und ent­deckt zu werden. Aus dem gleichen Grund ge­brauch­te er auch die Taschen­lampe nicht, die er in seinem Hand­wa­gen dabei hatte. Nur im äußersten Notfall wollte er sie be­nut­zen. Um im Schlaf nicht die Asche auf dem Bo­den ein­zu­at­men, zog er sich immer eine Atemschutzmaske über den Mund. Seine ent­sicherte Pistole lag in der Nacht stets griff­bereit neben ihm. Dann schob er sich noch das Kis­sen unter seinem Kopf ein wenig zurecht, schloss die Au­gen und ver­such­te zu schla­fen.

Gegen Ende der Nacht schreckte er aus einem tie­fen Schlaf auf. Mit ver­schlei­er­tem Blick suchte er nur für ei­nen kur­zen Moment die Uhr, die früher immer neben sei­nem Bett gestanden hatte. Der kalte Brandgeruch der Asche erinn­erte ihn aber sofort daran, dass er in ei­nem ver­kohlten Auenwald in einer verbrannten Welt lag und es sei­ne Uhr und sein wei­ches Bett schon längst nicht mehr gab.

Nach dem Aufwachen blieb der Mann stets re­gungs­los lie­gen, lauschte in die Finsternis hinein und war­tete, bis es hell wurde. Aber es war immer nur die Toten­stille, die er hörte. Wie würde es wohl sein, nichts mehr zu hö­ren, nicht ein­mal mehr die Stille?

Heute aber, in dieser Nacht, kam wie schon in man­chen Näch­ten zuvor aus dem Süden ein dum­pfes, un­ter­ir­di­sches Rollen zu ihm heran und er sah über den süd­li­chen Ho­ri­zont ein feines, blut­ro­tes Licht flie­ßen. Der Fluss, sein Au­en­wald, der Bahn­damm und die Asche­fel­der waren in eine schwache, röt­liche Hel­lig­keit ge­taucht, ge­ra­de hell ge­nug, um die Kon­tu­ren der Din­ge in nächs­ter Nähe zu er­ken­nen. Er kannte die Ursache dieses Rol­lens nicht, aber er war sich stets si­cher, dass daraus auf keinen Fall eine Ge­fahr für ihn entstehen konnte, weil das Rollen aus ei­ner viel zu gro­ßen Ent­fernung zu ihm her­an­kam. Er hör­te ihm nur zu und spür­te, wie die Er­de un­ter ihm leb­te und sich be­weg­te. Wäh­rend er re­gungs­los in sei­ne De­cke ge­hüllt lausch­te, ge­wöhn­ten sich sei­ne Au­gen all­mäh­lich an die spär­li­che Hell­ig­keit und er be­gann sche­men­haft die Din­ge um ihn her­um zu er­ken­nen. Aber dort drau­ßen in der Fin­ster­nis war nicht nur die­ses dunk­le Rol­len aus der Fer­ne. Der Mann mein­te auch zu spü­ren, dass et­was An­de­res, et­was Frem­des und Be­droh­li­ches ihm jetzt schon sehr na­he war. Da, plötz­lich, wuchs nicht weit von ihm ent­fernt in der Nä­he sei­nes in der Dun­kel­heit ver­las­se­nen Schlaf­plat­zes aus dem mit Asche be­deck­ten Bo­den ei­ne schwar­ze Ge­stalt em­por, die sich schließ­lich für ei­nen Mo­ment nur deut­lich und scharf ge­gen die röt­lich schim­mern­de Wol­kendecke über dem südli­chen Ho­ri­zont ab­zeich­nete. Ihm war, als hätte er gera­de ei­nen Dä­mon ge­se­hen, der aus der Höl­le herauf­ge­stie­gen kam, um hier auf der Erde sein Un­we­sen zu trei­ben, viel­leicht um Men­schen zu ja­gen, ihr Fleisch zu es­sen und sich dann noch mit den Lei­chen zu ver­gnü­gen. Ei­ne schreck­liche kind­li­che Angst stieg in ihm auf, ließ sein Herz schnel­ler schla­gen und mach­te seinen Kör­per ganz heiß. Fest um­klam­mer­te er sei­ne Pistole. Es war die ein­zi­ge Be­we­gung, die er sich trotz seiner Angst er­laub­te.

 

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